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Wenn Loslassen sich nicht sicher anfühlt

  • Autorenbild: Burcu Alkan
    Burcu Alkan
  • 6. Aug.
  • 7 Min. Lesezeit

Warum der Wunsch nach Kontrolle oft ein Wunsch nach Sicherheit ist.


Wenn selbst Urlaub nicht ganz leicht ist


Es ist Sommer. Wir haben August, und viele Menschen fahren oder fliegen weg. Mit dem Partner, mit Freundinnen, mit der Familie oder mit Kind und Kegel. Eine Reise soll geplant werden. Eigentlich etwas Schönes. Etwas, das Vorfreude auslösen soll, Abstand vom Alltag, neue Eindrücke und ein paar Tage Leichtigkeit.


Und trotzdem kann genau in dieser Planung etwas spürbar werden, das weniger nach Vorfreude klingt und mehr nach innerem Druck. Man vergleicht Unterkünfte, liest Bewertungen, prüft Wege, schaut sich Bilder an und überlegt, ob die Lage wirklich gut ist, ob der Preis angemessen ist und ob die Entscheidung am Ende auch wirklich die richtige sein wird.


Es geht dabei nicht darum, dass man absichtlich kompliziert ist. Im Kern steckt oft der Wunsch dahinter, nichts falsch zu machen, keine wichtige Eventualität zu übersehen und am Ende eine Entscheidung zu treffen, die sich wirklich stimmig anfühlt.


Gerade bei einer Reise kann man das gut verstehen. Wenn man nur ein- oder zweimal im Jahr wegfährt, möchte man natürlich, dass es schön wird. Dass die Unterkunft passt, die Lage stimmt und man sich später nicht ärgert, weil man denkt: Hätte ich doch genauer hingeschaut. Man möchte diese Zeit nicht vergeigen. Und manchmal fühlt sich schon die Möglichkeit, sich falsch entschieden zu haben, innerlich viel größer an, als sie von außen vielleicht wirkt.


Aber diese innere Vorgehensweise bleibt nicht immer bei den großen Entscheidungen. Sie kann sich auch dort zeigen, wo eigentlich viel weniger auf dem Spiel steht. Im Restaurant zum Beispiel. Welches Restaurant ist das richtige? Was gibt es dort zu essen? Was ist die beste Option? Will ich lieber das oder doch das andere? Was, wenn mir das Essen nicht bekommt? Was, wenn ich danach nicht gut schlafen kann? Was, wenn ich mich später ärgere, weil die andere Wahl besser gewesen wäre?


Für andere kann das schwer nachvollziehbar sein. Vielleicht denken sie: Warum machst du dich so verrückt? Entspann dich einfach.


Aber innerlich fühlt es sich oft nicht so einfach an.


Denn Kontrolle zeigt sich nicht immer laut oder offensichtlich. Sie muss nicht herrisch sein und sie muss auch nicht bedeuten, dass man anderen ständig Anweisungen gibt oder bestimmend auftritt. Manchmal zeigt sie sich viel leiser: als innere Anspannung, als Druck, alles richtig machen zu wollen, als ständige To-do-Liste im Hinterkopf, die auch dann aktiv bleibt, wenn man eigentlich entspannen möchte.


Von außen kann das kontrollierend wirken. So, als müsste alles nach dem eigenen Kopf gehen. Innerlich fühlt es sich oft anders an. Weniger nach Macht oder Besserwissen, sondern eher nach dem Versuch, Sicherheit herzustellen. Nach dem Wunsch, nicht enttäuscht zu werden, nicht überrascht zu werden und nicht in dieses unangenehme innere Gefühl zu rutschen: Ich hätte es besser wissen müssen.


Das Anstrengende daran ist, dass man äußerlich vielleicht alles gut im Griff hat, innerlich aber selten wirklich loslässt. Man ist zwar vorbereitet, aber nicht unbedingt frei. Man hat vieles bedacht, aber ist nicht unbedingt entspannter. Und manchmal merkt man erst später, wie viel Energie es gekostet hat, ständig innerlich voraus zu sein, statt wirklich im Moment anzukommen.


Kontrolle ist nicht einfach ein Charakterfehler


Kontrolle wird oft, von Menschen, die durch die Kontrolle direkt oder indirekt betroffen sind, eher negativ bewertet.


Jemand ist dann „kontrollierend“, „anstrengend“, „zu genau“ oder „perfektionistisch“. Und natürlich kann Kontrolle für andere einengend werden. Sie kann Druck erzeugen. Sie kann Beziehungen belasten. Sie kann dazu führen, dass andere sich beobachtet oder nicht wirklich frei fühlen.


Aber wenn wir nur auf das Verhalten schauen, übersehen wir oft etwas Entscheidendes.


Kontrolle ist nicht immer einfach ein Charakterzug. Sehr oft ist sie eine Strategie. Eine Art, mit Unsicherheit umzugehen. Ein Versuch des inneren Systems, sich sicherer zu fühlen, bevor überhaupt etwas passieren kann.


Man könnte auch sagen: Es gibt einen Kontroll-Teil in uns. Einen Teil, der mitdenkt, vorausplant, absichert und versucht, mögliche Fehler zu vermeiden. Einen Teil, der nicht böse ist und nicht einfach nur stören will, sondern eigentlich schützen möchte: vor Chaos, vor Enttäuschung, vor Kontrollverlust und manchmal auch vor diesem viel tieferen Gefühl, innerlich nicht stabil zu sein, wenn etwas anders läuft als geplant.


Dann geht es nicht nur darum, dass etwas „gut“ wird.

Dann geht es darum, dass etwas gut genug wird, damit man selbst innerlich ruhig bleiben kann.


Und genau hier berührt Kontrolle oft etwas Tieferes. Denn wenn ein Ergebnis darüber entscheidet, ob wir uns sicher, kompetent oder richtig fühlen können, dann geht es nicht mehr nur um die Sache selbst. Dann hängt innerlich viel mehr daran, als von außen sichtbar ist.


Wenn Unklarheit wie ein innerer Alarm wirkt


Für manche Mencshen klingt Loslassen nach Freiheit. Nach Leichtigkeit. Nach Vertrauen. Nach dem Gefühl, dass nicht alles geplant, durchdacht und abgesichert sein muss, damit es gut werden kann.


Für andere fühlt sich Loslassen nicht automatisch frei an. Es fühlt sich eher unsicher an, manchmal sogar bedrohlich. So, als würde man den Überblick verlieren. Als könnte etwas passieren, das man vorher hätte verhindern können. Als würde man sich selbst oder andere in eine Situation bringen, die am Ende unangenehm, enttäuschend oder falsch sein könnte.


Und genau deshalb bringen gut gemeinte Sätze wie „Entspann dich doch einfach“ für Menschen mit einem starken Kontrollthema oft nicht viel. Es geht nicht darum, dass ein Mensch nicht entspannen möchte. Es geht darum, dass ein Teil des inneren Systems noch nicht glaubt, dass Entspannung sicher ist, solange nicht genug Kontrolle da ist.


Bei Menschen mit einem starken Kontrollbedürfnis entsteht Ruhe oft erst dann, wenn innerlich genug Überblick da ist. Nicht, weil sie dramatisieren, sondern weil Unklarheit im Nervensystem schnell wie ein offener Alarm wirken kann.


Eine Entscheidung ist dann nicht einfach nur offen. Sie fühlt sich ungeklärt an. Und ungeklärt bedeutet innerlich: Es könnte noch etwas schiefgehen. Ich könnte etwas übersehen. Ich könnte später bereuen, dass ich nicht genauer hingeschaut habe.


Das kann bei einer Reise passieren, bei einer Aufgabe im Beruf, bei einer Entscheidung im Restaurant oder im Haushalt, wenn der Partner etwas anders macht, als man es selbst gemacht hätte.


Von außen sieht es nach Overthinking aus. Nach Perfektionismus. Nach „zu viel“. Innerlich ist es oft der Versuch, genau diesen einen Moment zu verhindern, in dem etwas schiefgeht und sofort der Gedanke kommt: Ich hätte es besser planen müssen. Ich hätte genauer hinschauen müssen. Ich hätte es wissen müssen.


Dann ist Loslassen nicht einfach eine Entscheidung. Es ist eine innere Erfahrung, die sich erst wieder sicher anfühlen muss.


Kontrolle hat oft einen Ursprung


Ich bin überzeugt davon, dass Kontrolle oft eine Geschichte hat.


Das muss nicht immer etwas sehr Dramatisches sein. Nicht immer etwas, das man sofort benennen kann. Manchmal sind es sehr sichtbare Erfahrungen von Instabilität. Manchmal sind es aber auch feinere Dinge: fehlende Verlässlichkeit, emotionale Unsicherheit, häufige Veränderungen oder das Gefühl, sich nicht wirklich fallen lassen zu können.


Auch Migration kann so eine Erfahrung sein.


Ich kenne das aus meiner eigenen Geschichte. Als ich als Kind nach Deutschland kam, war das nicht nur ein Ortswechsel. Von einem Tag auf den anderen war ich in einem anderen System. Kulturell, sprachlich, räumlich. Ich war nicht mehr in meinem vertrauten Zuhause. Viele Bezugspersonen waren nicht mehr da. Dinge, die vorher selbstverständlich waren, waren plötzlich anders.


Plötzlich waren Sprache, Umgebung, Regeln und das Gefühl von Zugehörigkeit nicht mehr selbstverständlich.


Für ein Kind kann so eine Veränderung sehr viel sein. Viel zu viel, um es innerlich direkt einordnen oder verarbeiten zu können. Auch wenn man sich anpasst, funktioniert, lernt und irgendwann seinen Weg findet, kann ein Teil im Inneren diese Erfahrung als Kontrollverlust speichern.


In meiner eigenen inneren Arbeit wurde mir mit der Zeit bewusster, wie prägend diese Erfahrung für mich war. Wie sehr sie mein Bedürfnis nach Planung, Struktur und Überblick beeinflusst hat. Nicht, weil ich zwanghaft alles bestimmen möchte, sondern weil ein Teil von mir gelernt hat: Ich fühle mich sicherer, wenn ich vorbereitet bin.


Rational kann man das gut nachvollziehen. Emotional kann es trotzdem sehr anstrengend werden, wenn das innere System auch dann noch Kontrolle herstellen möchte, wenn eigentlich keine echte Gefahr mehr da ist.


Und genau hier wird es wichtig, Kontrolle nicht nur als störendes Verhalten zu sehen, sondern als etwas, das einmal eine Funktion hatte. Vielleicht war sie ein Weg, Halt zu finden. Vielleicht war sie ein Versuch, Orientierung zu behalten. Vielleicht war sie die Art, wie ein Teil von uns gelernt hat, sich sicherer zu fühlen.


Aber was einmal Schutz war, kann später einengen, blockieren oder limitieren.


Nicht, weil es falsch war, sondern weil das Leben heute vielleicht mehr Möglichkeiten bietet, als das alte innere Muster noch wahrnehmen kann.


Sicherheit kann neu entstehen


Veränderung beginnt für mich deshalb nicht damit, Kontrolle einfach loszulassen. Sie beginnt eher damit, zu verstehen, warum sie einmal so wichtig wurde.


Denn wenn Kontrolle einmal Sicherheit war, braucht es nicht noch mehr Druck, um sie zu verändern. Dann hilft es selten, sich selbst dafür zu verurteilen oder sich vorzunehmen, ab morgen einfach lockerer zu sein.


Wichtiger ist die Frage: Was versucht dieser kontrollierende Teil in mir eigentlich zu schützen? Wovor möchte er mich bewahren? Und was müsste mein inneres System heute erleben, damit ich mich auch ohne ständige Kontrolle sicher fühlen kann?


Loslassen bedeutet nicht, dass einem alles egal wird. Es bedeutet nicht, nachlässig zu werden oder Verantwortung abzugeben. Vielleicht bedeutet es eher, dass man langsam lernen darf: Ich kann aufmerksam sein, ohne ständig wachsam zu sein. Ich kann Verantwortung tragen, ohne alles kontrollieren zu müssen. Ich kann Fehler machen, ohne meinen Wert zu verlieren.


Und vielleicht beginnt genau dort eine neue Form von Sicherheit.


Nicht die Sicherheit, die nur entsteht, wenn alles nach Plan läuft.


Sondern eine tiefere Sicherheit.


Eine Sicherheit, die nicht davon abhängt, ob ich jede Möglichkeit vorher durchdacht habe, ob alles perfekt läuft oder ob ich jeden Ausgang kontrollieren kann.


Sondern eine Sicherheit, die mehr aus mir selbst entsteht.


Aus dem Vertrauen, dass ich mit mir verbunden bleiben kann, auch wenn etwas anders kommt als geplant. Dass ich reagieren kann. Dass ich mich halten kann. Dass mein Wert nicht davon abhängt, ob ich alles richtig gemacht habe.


Manche Menschen finden diesen Weg über eigene Reflexion, über Erfahrungen, die ihnen wieder mehr Sicherheit geben, oder über Beziehungen, in denen sie sich wirklich gehalten fühlen.


Und manchmal braucht es dafür Unterstützung. Einen Raum, in dem man nicht nur über Kontrolle spricht, sondern versteht, wofür sie einmal da war. Im Coaching, in therapeutischer Arbeit oder in anderen Formen tiefer Begleitung kann genau das möglich werden: nicht gegen sich zu arbeiten, sondern mit dem Teil in sich, der irgendwann gelernt hat, dass Kontrolle Sicherheit bedeutet.


Vielleicht beginnt Loslassen genau dort: nicht dort, wo mir alles egal wird, sondern dort, wo ich mir selbst mehr vertraue als meiner Kontrolle.

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